21.11.2007
Zensur in Syrien, die Zweite
Jetzt hat es nach Blogger auch noch Facebook erwischt. Seit dem Wochenende kann man in Syrien nicht mehr auf die Seite des Netzwerks zugreifen, Global Voices ist ebenfalls gesperrt, erzählt mir gerade ein Freund, dem ich einen Link geschickt hatte. Und YouTube ist ebenfalls seit zwei Monaten geblockt...
07.11.2007
Khlifa Lagra'a
Ich habe gerade endlich Khlifa Lagra'a (Khlifa der Glatzkopf) gesehen, den ersten (und einzigen) Spielfilm des tunesischen Regisseurs Hamouda Ben Halima. 1969 gedreht gilt er als einer der wichtigsten frühen tunesischen Filme, und wenn man ihn sieht wird selbst bei einer völlig verratzten Kopie schnell klar, warum. Und es fällt auf, wie viele Element, die als so typisch für die Filme der späten Achtziger, frühen Neunziger gelten, sich schon bei Ben Halima finden.
Die Handlung (der Film ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Bechir Khraief) ist schnell erzählt: Khlifa, ein Waise, lebt in der Altstadt von Tunis und wird trotz seiner 20 Jahre nicht für voll genommen, da er keine Haare hat. Er verrichtet Botengänge für die Bewohner des Viertels und erhält Zutritt zu den Häusern der Altstadt, in die ein "normaler" Fremder (Mann) nie Einblicke erhalten würde. Er wird Freund, Vertrauter, Liebhaber der Frauen. Und zieht den Zorn der männlichen Bewohner des Viertels auf sich.
Der Parcours des Helden durch die Gassen der Altstadt, die Blicke in "verbotene" Räume, der Mann, der Zutritt in das Reich der Frauen erhält, gesellschaftlicher Schein und Sein, die Doppelmoral (religiöser) Autoritäten, Definitionen von Männlichkeit – all diese Elemente finden sich in Khlifa Lagra'a, genauso wie man sie später zum Beispiel bei Nouri Bouzid (vor allem in L'homme des cendres), bei Moncef Dhouib (Ya Soltane el Medina) und Ferid Boughedir (Halfaouine) wiederfindet. In dieser Hinsicht ist der Film von Hamouda Ben Halima wirklich eines dieser berühmten Aha-Erlebnisse, da er auf bestimmte thematische (s.o.) und auch stilistische Entwicklungslinien (die vielzitierte Raumgestaltung zum Beispiel) im tunesischen Film verweist, die zumindest mir vorher nicht in dieser Deutlichkeit bewusst waren. Spannend außerdem dieses diffuse Gefühl von Nouvelle Vague, das in dem Film mitschwingt (vgl. auch Hedi Khelils Abecedaire du Cinéma Tunisien, der das v.a. an der Hauptfigur festmacht) und ihn nach wie vor so modern wirken lässt. Und immer wieder gut: die, hier noch ganz junge, Mouna Noureddine. Schöne (wenn auch späte) Entdeckung, dieser Film!
20 Jahre...
... sind mehr als genug. Und natürlich komme ich, auch wenn ich eigentlich primär über Filme blogge, an diesem Jahrestag auch nicht daran vorbei, irgendwie auf den 7.11.1987 einzugehen: Eigentlich können das einige tunesische Blogger aber viel besser. Deshalb will ich auch nur auf Nadia, Samsoun und Sami Ben Gharbia verweisen, die drei sehr unterschiedliche, und wie ich finde alle sehr passende Formen gewählt haben, auf 20 Jahre Ben Ali einzugehen.
05.11.2007
Zensur - und wie man sie umgeht
Dailymotion schon lange gesperrt, Youtube jetzt neuerdings auch, und die meisten Blogs kann man auch nur noch über Umwege lesen? Willkommen in Tunesien!
Sami Ben Gharbia hat in seinem Blog ein paar praktische Tips veröffentlicht, wie man meistens doch noch irgendwie das lesen kann, was man will. Und das ist nicht nur in Tunis praktisch.
31.10.2007
Termine: Filmreihe Großstadtkultur
Das ZMO organisiert im Wintersemster eine Filmreihe an der TU Berlin zum Thema Großstadtkultur in arabischen Ländern mit einigen wirklich lohnenswerten Titeln.
Die Termine im Einzelnen:
8.11.
The Yacoubian Building
15.11.
Alexandria...warum?
29.11.
Anlat Istanbul
6.12.
Rang de Basanti
13.12.
Crimson Gold
10.01
Viva Laldjerie
17.01.
Gegen die Wand
24.01.
Divine Intervention
31.01.
Keif al-Hal
immer um 18.30 in Bib 014 in der Fasanenstr.88
27.10.2007
syrien & das internet
Sami Ben Gharbia weist auf seiner Homepage und auf Global Voices (übrigens sehr empfehlenswetre Seite) darauf hin, dass die syrische Bloggerin Roukana Hamour am vergangenen Donnerstag erneut vom Geheimdienst verschleppt wurde. Außerdem scheint Blogspot, was bis jetzt doch meistens funktionierte, seit wenigen Tagen in Syrien komplett gesperrt zu sein. Ich hatte zwar dort immer mal Probleme, auf die Seite zu gelangen, aber das war nie von Dauer, sondern manchmal auch einfach der schlechten Verbindung geschuldet.
19.10.2007
Offline:Baghdad
not just another film festival - und hier gibt's Infos zu diesem interessanten Projekt
11.10.2007
30.09.2007
Gegenläufige Bewegungen
In der tunesischen Presselandschaft tut sich mal wieder was. Allerdings nicht nur erfreuliches. Majarrat, eine neue Seite, die der linken Opposition zuzuordnen ist, wurde vor einer Woche zensiert, gerade einmal einen Monat nachdem sie online gegangen war. Auslöser der Zensur war, wie Mokhtar Yahyaoui schreibt, vermutlich ein Artikel über den Hungerstreik einiger PDP-Mitglieder.
Es gibt aber auch Positives zu berichten: Mitte Oktober soll die erste Ausgabe von L'expression erscheinen, einem Wochenmagazin unter der Leitung von Ridha Kéfi. Der ehemalige Tunesien-Korrespondent von Jeune Afrique war im vergangenen Jahr zu Le Temps gewechselt, wo einige vergleichsweise kritische Artikel überraschten und schon auf eine gewisse Lockerung der Zensur hoffen ließen. L'expression erscheint im gleichen Verlagshaus wie auch die Mediengruppe Assabah, zu der auch Le Temps gehört. Eigentlich sollte die erste Ausgabe des Magazins schon im Sommer erscheinen, wurde aber ohne Angabe von Gründen verschoben.
Ich bin gespannt und hoffe, so bald wie möglich eine Ausgabe in die Finger zu kriegen.
27.09.2007
Demain, je brule
Dieser Mann ist heimatlos. Das zeigen schon die ersten Bilder von Demain, je brule (غدوى نحرق). In Paris steht Lotfi unter einer U-Bahn-Brücke, mit hängenden Schultern, der graue Mantel zu groß für den geschwächten Körper, das Gesicht grau und eingefallen. Er ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Auf einmal kommt Bewegung ins Bild, gelöst umarmt Lotfi umarmt zwei kleine Mädchen, seine Töchter. Im Hintergrund steht unbeweglich eine Frau, ebenfalls ganz in Grau gekleidet. Doch dieser kurze Moment des Glücks erweist sich schnell als Wunschvorstellung des Protagonisten.
Den verkörpert der tunesische Schauspieler Mohamed Ben Smail in seinem Regiedebüt auf überzeugende Weise. Mit nur wenigen Details, sparsamer Gestik und Mimik gelingt es ihm, die ganze Unsicherheit, die innere Zerrissenheit seiner Hauptfigur auszudrücken. Lotfi ist ein Heimat- und Ortloser, ein moderner Reisender, der irgendwo auf seinen Reisen sein Innerstes verloren hat. Immer bemüht, die fragile Fassade aufrechtzuerhalten kehrt der schwerkranke Mann nach Tunesien zurück.
Um zu sterben sucht er noch einmal die Orte seiner Kindheit auf, die ihm über die Jahre fremd geworden sind. Und er begibt sich in La Goulette auf Spurensuche. Doch La Goulette, die Vorstadt von Tunis, geprägt vom Hafen und ihren Fischern, hat wenig gemein mit dem heiteren, sonnigen Ort, den uns etwa Ferid Boughedir (Ein Sommer in La Goulette) zeigt. Ben Smails La Goulette ist düster, grau und regnerisch. Es gelingt Lotfi in seinen letzten Lebenstagen kaum, sich die Orte seiner Vergangenheit erneut anzueignen. Als er in Tunesien ankommt, wird er von allen Leuten erkannt. doch er selbst erkennt niemanden mehr. Ratlos steht er seiner Vergangenheit gegenüber. Und Mohamed Ben Smail macht spürbar, wie sehr es in Lotfi innerlich arbeitet, wie er verzweifelt nach Orientierungspunkten sucht.
Immer wieder erinnert Ben Smails eindrückliche Reflexion über inneres und äußeres Exil an die Filme des Theo Angelopoulos, finden sich ähnliche thematische und visuelle Elemente, ohne jedoch je die romantischen Moment zu bedienen, die sich im Werk des griechischen Regisseurs finden. Demain, je brule ist von zutiefst modernem Gestus, nüchtern und klar in jedem Moment, ohne dabei jemals gefühllos zu sein. Gerade das macht den Film so bemerkenswert.
Demain, je brule (Mohamed Ben Smail, Tunesien 1998, 95')
11.08.2007
Ahmed Bahaeddine Attia
Der tunesische Produzent Ahmad Bahaeddine Attia, der wie vielleicht kein zweiter die tunesische Filmlandschaft der letzten Jahre gepraegt hat, ist gestern verstorben. Aus fuerchterlicher Zeitnot heraus verweise ich auf den Nachruf von Hassouna Mansouri hier.
24.07.2007
Khorma (Jilani Saadi, Tunesien 2002)
Die Verführungen der Macht
Wenn man von einem Richtungswechsel im aktuellen tunesischen Film spricht, dann darf ein Regisseur nicht übersehen werden: Jilani Saadi. Zuletzt lief sein zweiter Spielfilm U'rs edh-dhib (La tendresse des loups) auf den JCC, doch schon 2002 erregte er mit Khorma (La Betise) Aufsehen, einer mutigen Abwandlung des Themas des Dorfdeppen. In beiden Filmen zeigt Saadi die Schattenseiten der tunesischen Gesellschaft, das verkommene, dreckige Tunesien voller Machtspiele und Doppelmoral.
Khorma (überzeugend verkörpert von Mohamed Hassine Graya), ein junger geistig Behinderter wächst bei Bou Khalbe in Bizerte auf, einer Kleinstadt an der nordtunesischen Küste. Bou Khalbe verkündet Hochzeiten und Todesfälle. Doch er wird alt und eines Tages irrt er sich. Statt einer Hochzeit verkündet er den Tod der Mutter der Braut. Die Aufregung wird umso größer, als die Frau wenige Tage später tatsächlich stirbt. Es ist an der Zeit, Bou Khalbe abzulösen. Die Ältesten entscheiden sich für Khorma. Doch den jungen Mann zu manipulieren und für ihre Zwecke einzusetzen, ist schwerer, als sie gedacht haben. Denn er entwickelt schnell ein starkes Machtbewusstsein, kalkuliert, lügt und betrügt.
Mit Khorma entfernt Saadi sich nicht nur weit von den lange Zeit typischen "Frauen"-Filmen, wendet sich jedoch um so mehr den Rändern der Gesellschaft zu, den marginalisierten Wesen, die keiner sehen will, deren Bedeutung aber umso größer ist (womit der Regisseur dann wieder ganz in einer Linie mit Bouzid, Zran, Dhouib und anderen steht). Die agile Kamera gleitet durch die Straßen der Altstadt und über den Friedhof von Bizerte, folgt dem Parcours von Khorma, lässt den Zuschauer förmlich spüren, wie sich die Blicke der Bewohner auf den "Dorfdeppen" verändern.
In Khorma verwebt sich der Diskurs über moralische Fragen (einschließlich – laut Regisseur nicht intendierten – Bezügen auf Jesus Christus) mit einer klugen Analyse der Machtstrukturen einer Gesellschaft im Wandel. Trotz eines eher schwachen Endes, das der Analyse etwas von ihrer Radikalität nimmt, weist er den Weg hin zu einem neuen tunesischen Kino, das gerade am Entstehen ist.
17.07.2007
08.07.2007
Lebenszeichen
Sorry - die letzten paar Wochen waren vollgepackt mit Bewerbungsgespraech, Reise, Pruefungen. Aber ich habe ein paar interessante Filme gesehen und mich gerade in Beirut mit einigen aelteren Dokumentationen von Mai Masri, dem letzten Ziad Doueiri und den gesammelten Werken von Borhane Alaoui eingedeckt, so dass hier hoffentlich bald wieder mehr los ist.
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