02.09.2006

"Sehnsucht" von Valeska Grisebach

„Mein Film ist wie ein Countrysong“, sagt Regisseurin Valeska Grisebach über Sehnsucht, ihren ersten Nach-der-Hochschule-Film. Country, das ist Heimat und (Leiden an der) Provinz, Sehnsucht und Gefühle. Welcher Ort wäre prädestinierter, um über Sehnsüchte nachzudenken, als die Provinz, dieser Flecken, an dem man meist unfreiwillig festsitzt, heimelig und miefig zugleich, ein Ort, an dem nichts passiert, wo die Koordinaten des Lebens problemlos auszumachen sind, dort, wo die Geschehnissen der großen weiten Welt nur ein ferner Widerhall sind. Wo die Frage nach dem „Was machst du morgen?“ noch mit „Einen Zaun bauen“ beantwortet wird. Provinz: bei Grisebach ist das ein verschlafenes 200-Seelen-Kaff in Brandenburg, freiwillige Feuerwehr, Gemeindechor, Kaffeekränzchen mit Sprühsahne und Kleinem Feigling, Stammtisch-Philosophie, Gartensessel mit Bezügen in 70er-Jahre-Mustern, rostige Hollywood-Schaukeln und als Soundtrack Dragostea Din Tei (man erinnere sich: der grauselige Sommerhit vor zwei oder drei Jahren) und Robbie Williams (der Widerhall der Großstadt). Die Sehnsucht spürt der Schlosser Markus, als er sich zwischen zwei Frauen hin- und hergerissen fühlt, zwischen seiner Ehefrau Ella, die er über alles liebt, und der Kellnerin Rose, von der er nicht loskommt. Grisebachs Figuren können nicht reden, sie mussten nie reden in ihrem Provinzleben, in dem alles klar abgesteckt war. Und Markus hat Mühe, sich nun zu erklären, seine Gefühle, die er für beide Frauen in seinem Leben gleichermaßen hegt, auszudrücken. Dass er sich fremd fühlt in seinem Leben, das etwas durcheinanderkommt, das erahnt man allenfalls, das vibriert unter der Oberfläche. Bis es zum großen Knall kommt, zur eruptiven Entladung all jener Gefühle und Nöte, die Markus mit Worten nicht ausdrücken kann. Fast dokumentarisch wirkt Sehnsucht, er läuft ganz in jener Schiene jüngerer deutscher Filme, die über die Ränder sprechen, die Ränder von Städten und Gesellschaften, an denen nichts und doch so viel passiert. Mit einem unglaublichen Gespür für den richtigen Augenblick, voller Sinn für die Realität und die Sehnsüchte des Alltags inszeniert die Regisseurin das Drama eines sensiblen Menschen.
Absolut sehenswert! Sehnsucht (Valeska Grisebach, Deutschland 2006, 88’)

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

was an diesem film "sehenswert" ist, bleibt wohl so mancher/manchem kinobesucher/in unerschlossen.