24.11.2006

JCC - Was bleibt?

Ein kleiner Rückblick 40 Jahre ist das Festival dieses Jahr alt geworden, 40 Jahre auch das tunesische Kino (wenn man Omar Khlifis Al Fajr als ersten genuin tunesischen Film annimmt, worüber man sich ja angesichts von Albert Samama-Chikly auch wieder ordentlich streiten kann). Ein Alter, in dem man eigentlich erwachsen sein sollte. Trotzdem litten die JCC 2006 noch immer, oder viel eher: wieder, unter einigen Kinderkrankheiten. Da waren zunächst mal ein Haufen kleinerer und größerer organisatorischer Probleme: zu viele Einladungen für die Eröffnung, zuwenig für die Cloture, ein Katalog, der nicht nur voller Fehler ist, sondern auch erst am 5. Festivaltag und nur auf beharrliche Nachfrage unterm Tisch hervorgezogen wird, Pressevorführungen, deren Termine mindestens einmal pro Tag geändert werden und die mit bis zu 90 Minuten Verspätung anfangen, einzelne Filme, die nur in Originalsprache (nur französisch oder arabisch) ohne jegliche Untertitelung laufen (zum Beispiel Indigènes und diverse marokkanische und tunesische Kurzfilme), in rund 80% der Säle eine miserable Bild- und Tonqualität, die von Jahr zu Jahr schlechter wird … Jeder dieser Punkte für sich genommen lässt sich wahrscheinlich irgendwie entschuldigen, in der Gesamtheit verweisen diese kleinen Problemchen jedoch auf ein viel größeres Problem. „Man kann nicht drei Monate vorher anfangen, ein Festival zu organisieren“, brachte der tunesische Regisseur und Produzent Brahim Letaief in der Sonntagsbeilage von La Presse auf den Punkt, was viele dachten. Das dachte wohl auch die Jury, die in einer an Deutlichkeit kaum zu überbietenden Rede bei der Preisvergabe nicht nur Demokratie, Freiheit und das Ende der Zensur forderten, sondern eben auch eine vom Staat unabhängige Festivalorganisation. Tosender Applaus kam vor allem von den tunesischen Filmschaffenden (später widmete Lotfi Abdelli, der als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, seinen Preis allen tunesischen créateurs, die für die Freiheit der Kunst kämpfen). Wo wir gerade bei der Preisverleihung sind: nach offenbar erbitterten Diskussionen innerhalb der Jury ging der Goldene Tanit an Nouri Bouzids Film Making Off, genau zwanzig Jahre, nachdem dieser für seinen Debütfilm L’homme des cendres diesen Preis schon einmal gewonnen hatte. Auch wenn Making Off vielfach auf L’homme des cendres verweist (manchmal auch wie eine moderne Version von Mohamed Zrans Essaida [1996] wirkt), kommt er nicht immer an dessen Perfektion heran. So ist die Entscheidung der Jury sicher auch als Zeichen zu werten – und wirkt doch wie die making off-Partien des Films selbst ein wenig wie eine dem Angriff vorausgehende Verteidigung, eine Art Präventiv-Tanit also, um Bouzid gegen mögliche Anfeindungen in Schutz zu nehmen. Betrachtet man die anderen Preisträger und generell die Wettbewerbsfilme fallen zwei Dinge auf. Erstens die Dominanz arabischer Filme und zweitens der „Den habe ich doch schon mal irgendwo gesehen“-Effekt. Von den fünfzehn Wettbewerbsfilmen – deren Qualität im Durchschnitt bedeutend besser war als zum Beispiel auf der Biennale des cinémas arabes dieses Jahres – kamen mit dem herausragenden Daratt (Tschad) und L’ombre de Liberty (Gabon) genau zwei aus dem Subsahara-Afrika (drei, wenn man den in Mali spielenden Bamako des Mauretaniers Abderrahman Sissako dazurechnet) – und das auf einem Festival, das von Tahar Cheriaa, dem Übervater des tunesischen Films, mit der Intention gegründet wurde, arabische und afrikanische Welt und die cinémas du sud zusammenzubringen. Dabei liefen im Panorama durchaus afrikanische Filme, die man eher im Wettbewerb vermutet hätte, so zum Beispiel Les Saignantes (Jean-Pierre Bekolo, Kamerun 2005) oder Un matin bonne heure (Gahité Fofana, Guinea 2005). Und zweitens gilt es eben die Tatsache zu beklagen, dass bis auf die tunesischen Filme keinerlei Premieren im Wettbewerb vertreten waren. Bled Number One, Barakat, Bab Aziz, Dunia, Bamako, Daratt, L’attente – trotz ihrer unbestrittenen Qualität: alles schon auf diversen Festivals oder im Kino gelaufen. Sind die JCC für die Regisseure einfach nicht mehr attraktiv (sie liegen, wegen des Ramadans noch zusätzlich nach hinten verschoben, in unmittelbarer Nachbarschaft zu San Sebastian, Marrakech, Amiens, Kairo, Ouagadougou) oder hat sich einfach niemand die Mühe gemacht, neue interessante Filme zu suchen? Hinzu kommt ein Haufen Nebenreihen, allesamt von ausgezeichneter Qualität und nach wie vor auf die cinémas du sud konzentriert (Marokko, Lateinamerika, Südkorea u.a.), aber in ihrer Fülle eher verwirrend. Offensichtlich dient das Festival mehr und mehr dazu, die Filme zu zeigen, die sonst nie die tunesischen Leinwände erreichen würden. Ein nobles Anliegen angesichts der brachliegenden Kinolandschaft des Landes. Noch schöner wäre es aber, wenn diese Filme auch ihren ganz normalen Weg in den Verleih finden würden. Jetzt will ich das ganze aber auch nicht schlecht reden. Immerhin gab es eine Vielzahl wirklich außergewöhnlicher Filme zu sehen, Filme, die eben nicht nur ein kleines Häuflein Kritiker begeistern sondern auch das Publikum anziehen, das sich sonst von den Kinosälen eher fernhält, und vor allem die Gewissheit: es bewegt sich wieder was im tunesischen Kino. Nach Jahren der Krise wo man sich über den einen oder anderen ordentlichen Film alle zwei Jahre freute wird es langsam offensichtlich: die junge Generation erkämpft sich ihren Platz, mit neuen Themen und neuen Formen, die alle zugleich Beobachtung wie Ausdruck dieser Krise sind. Filme, die sich mit Realitäten auseinandersetzen, die man lange lieber verschwiegen hat. Dazu demnächst mehr… Und zum Schluss noch der Verweis auf das lesenswerte JCC-Dossier von Africiné.

1 Kommentar:

orcival hat gesagt…

Umso mehr erstaunt es eigentlich, dass hierzulande, auch diese neue (und teilweise junge) Generation von Filmemachern so wenig ein Forum kriegt. Leider führen diese Filme ja doch eher ein Festival-Dasein oder kommen erst mit mehreren Jahren Verspätung ins Kino.
Dabei kann man, wenn man wie ich ab und an Leute mit ins Kino schleift bei solchen Filmen, durchaus feststellen, dass sie zu begeistern vermögen...