31.12.2006
VHS Kahloucha
Africa Alive
16.12.2006
Africultures gibt Archive frei
Gute und schlechte Nachrichten aus Tunis...

15.12.2006
Angst hat Seele aufgegessen
Mit einer Ausnahme: Mohamed Zran drehte seinen ersten Spielfilm Essaida (1996). Was ein unverstellter, neuer Blick auf die sozialen Realitäten des Landes! Eine Kamera auf Augenhöhe der Protagonisten, Dialoge, die die Realität spüren ließen, und eine Auseinandersetzung mit den Schattenvierteln, wie der Regisseur die Armenquartiere am Rand der Großstädte in einem Interview nennt. Essaida
Satin Rouge
Die Befreiung der Heldin Lilia ist keine geistige Emanzipation mehr wie z.B. in La Trace , es ist eine körperliche, eine sinnliche Selbstfindung. Und Lilia ist nicht mehr die brave Mutter und Hausfrau, sondern die Rivalin ihrer Tochter. Was auf den ersten Blick aussieht wie die „klassische“ Raumgestaltung (zum enfermement wohl am prägnantesten Sonia Chamkhi in ihrer Dissertation Le noveau cinéma tunisien. Parcours autre) verkehrt Amari mal eben ins Gegenteil. Das Cabaret, der huis clos schlechthin, wird in Satin Rouge zum Ort der Befreiung. Sich zunehmend verschlechterte Arbeitsbedingungen für Journalisten, die Gängelung von Künstlern und Kulturschaffenden: das ging an vielen tunesischen Regisseuren nicht unbemerkt vorbei und wurde seit Beginn des neuen Jahrtausends wieder verstärkt thematisiert. Schaut man sich die letzten Filme dreier etablierter Regisseure an – Ridha Behis La boîte magique, Taieb Louhichis La danse du vent und Naceur Ktaris Sois mon amie (der mehr als 25 Jahre nach Les Ambassadeurs wieder einen Film drehte) – ist die Bilanz düster. Alle drei erzählen mit unterschiedlichen Akzenten von Künstlern in der Schaffenskrise, alle drei enden mit deren tragischen Tod. Und zumindest für La danse du vent (und in gewissem Maße auch für Sois mon amie) gilt, was sich dann besonders in Bab el Arch zeigt: eine Überfrachtung mit Inhalt und großen Symbolen, eine Dringlichkeit, sich auszudrücken, alle Probleme und Befindlichkeiten in einem einzigen Film auf die Leinwand zu bringen. „Le cinéma du Sud est un cinéma d’urgence et non pas d’auteur“, schrieb die tunesische Journalistin Rim Saidi, als Bab el Arch 2004 auf den JCC Premiere hatte – Ausdruck dafür, dass zwar neue Diskurse aufkamen, die filmische Form aber nur selten folgte. Die Angst, die sie ausdrückten, schien die Seele des Films gefressen zu haben. Doch dies war nur eine Seite der Entwicklung. Denn parallel dazu entstanden einige Filme, die, ohne an der Oberfläche politisch oder gar didaktisch zu sein, einer neuen Befindlichkeit Ausdruck verliehen, allen voran der zu Unrecht in der Versenkung verschwundene, narrativ wie visuell brilliante No Man’s Love, Spielfilmdebüt von Nidhal Chatta. Auch Jilani Saadis Khorma oder Nawfel Saheb-Ettabaas El Kotbia würde ich dazurechnen, auch der bereits erwähnte Satin Rouge oder Mohamed Zrans Le Prince, eine leichtfüßige Sozialkomödie mit einer im tunesischen Filme seltenen, feinen Selbstironie.
No Man's Love
Daneben standen freilich solche Filme wie Selma Baccars einfach nur ärgerlicher Fleurs d’oubli (sehr prägnant dazu Olivier Barlet hier) oder Moufida Tlatlis schwacher Nadia et Sarra, der in Deutschland unter dem Titel Rivalinnen ins TV kam (eine Arte-Auftragsproduktion – der Sender soll ziemlichen Einfluss darauf genommen haben), Nouri Bouzids Poupées d’argile oder Khaled Ghorbals Fatma. Ästhetisch disparat eint sie der vermeintlich emanzipatorische Diskurs – ein Diskurs, der angesichts der sozialen Realitäten in Tunesien schematisch und überholt daherkommt (Ghorbal z.B. lebt in Frankreich) und eher von europäischen Vorurteilen und Erwartungen als einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema geprägt erscheint. Während die „Alten“ das Verhältnis von Männern und Frauen offensiv verhandelten und altbewährte Täter-Opfer-Schemata auf die Leinwand brachten, ist die Emanzipation in den „jüngeren“ Filmen schlicht in die Arbeit mit eingeflossen, sie zeigen keine Opfer mehr, sondern ganz „normale“ Tunesierinnen mit ihren ganz alltäglichen Sorgen und Nöten, positive role models eben. Lange war nicht klar, ob es sich bei den genannten Filmen um solitäre Phänomene handelte, doch die JCC 2006 schienen die Gewissheit zu liefern, dass sich im tunesischen Film einiges bewegt. Der endliche fertig gewordene und mehrfach zitierte Elle et Lui und die neuste Film-Arbeit von Fadhel Jaibi, Junun, zeigten, dass auch Stil und Inszenierungskonzept der neuen inhaltlichen Richtung folgen – beide in jeder Hinsicht äußerst radikal.

Junun
Daneben Moncef Dhouib mit seiner bewusst populär gehaltenen Satire La télé arrive, Nouri Bouzid, der mit Making Off langsam zu alter Form zurückfindet bzw. diese erneuert (auch wenn der Tanit d’or ihm wohl hauptsächlich verliehen wurde, um ein film-politisches Zeichen zu setzen) und Jilani Saadi mit seinem zweiten Spielfilm La tendresse du loup, der zwar unter narrativen Schwächen leidet, aber schonungslos die dunkle Seite der tunesischen Jugend beleuchtet. Vielleicht hat die Angst ja doch noch ein bißchen Seele übrig gelassen...
Bei aller Begeisterung über die sich auszubreiten scheinende Aufbruchsstimmung: Kontinuität ist noch nicht gegeben. Die meisten RegisseurInnen haben neben einigen Kurzfilmen gerade mal einen Langfilm gedreht (Elyes Baccar und Nawfel Saheb-Ettabaa bereiten neue Filme vor, Mourad Ben Cheikh hat ebenfalls ein Projekt in Arbeit), auch Schwächen im Drehbuch-Bereich lassen sich nicht verneinen. Es scheint also nötig, dass sich auch die Produktionssituation wieder stabilisiert und die Filme auch in Tunesien in die Kinos kommen (so lief zum Beispiel Nacer Khemirs Bab Aziz bis heute nicht) und nicht eine reine Festival-Angelegenheit bleiben, die nur eine Handvoll Leute überhaupt erreichen.